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Research

Forschungszentrum für Wiener Musik und Wienerlied. Musikräume und Identität

JAM MUSIC LAB gründet ein Forschungszentrum für Wiener Musik und Wienerlied und startet mit dem Forschungsseminar: Musikräume und Identität. Ursprünge, Einflüsse und Entwicklungen der Wiener Musik und des Wienliedes.

Musikwissenschaft und Artistic Research am JAM MUSIC LAB WS 2018/19, SS 2019

Forschungsseminar Cross Culture Studies, Musikräume und Identität

Ursprünge, Einflüsse und Entwicklungen der Wiener Musik und des Wienliedes. Der Versuch einer Bestandsaufnahme zum Status Quo aus musikpraktischer und musikwissenschaftlicher Sicht.

Seminarleitung: Mag. Marcus Ratka, Dr. Dr. Engelbert Mach, Thomas Hojsa

Ausgangslage und Ambitionen des Forschungsprojektes

Wien gilt seit dem ausklingenden 18. Jhd. als internationaler Musik-Hotspot und entwickelte sich zu einem weltweit anerkannten Markenzeichen des musikalischen Schaffens. Die Protagonisten der Wiener Klassik begründeten den Ruf einer Musikweltstadt und legten einen Grundstein für Einrichtungen, die das kulturelle Selbstverständnis der Stadt ebenso prägen wie den Blick der Welt auf die Musikstadt Wien: Konzerthäuser, Symphonische Orchester und Musikakademien.

Im Schatten dieser Eliten entwickelte sich eine musikalische Kultur weniger formellen Charakters: In der sogenannten Wiener Musik und im Wienerlied verbanden sich seit dem beginnenden 19. Jhd. unterschiedliche Einflüsse aus Klassischer Musik, Operette, Volksmusik, Theater- und Kabarettmusik sowie später folgender Filmmusik zu einem charakteristischen Idiom des Wienerischen im Kontext von Musik, Sprache und Lebensauffassung. Die Konzerthallen dieser Musik waren das Wirtshaus, der Heurige oder der freie Himmel im Sinne der Straßenmusik. Die Musikerinnen und Musiker erlernten ihre Musik oftmals nicht am Konservatorium, sondern in der Familie, unter Freunden, in vielen Fällen weitgehend autodidaktisch.

Im 21. Jhd. angekommen, präsentieren sich Wiener Musik und Wiener Lied in besonders reicher Vielfalt. Seit den 1990er Jahren bringen sich vermehrt wieder junge Musikschaffende und ihre Ensembles in das Genre ein und verbinden es kreativ mit Blues, Jazz und aktuellen Musikströmungen, wie etwa Pop, Soul, R&B und Electronic Music. Die Wiener Musik präsentiert sich (wieder einmal) in neuem Gewande und diese Entwicklung dürfte längst nicht abgeschlossen sein.

„Es scheint, als ob die Wiener Volksmusik, die im Laufe der Geschichte wiederholt Zeiten des Verfalls und der Blüte gesehen hat, nach einer unleugbaren Epoche des Stilstandes wieder zu neuem Leben erwachen wollte“ (Kremser Alben, 1912.)

Diese Zeilen finden sich vor mehr als 100 Jahren im Vorwort der ersten Ausgabe der „Kremser Alben“, dem ersten systematisch erfassten und publizierten Sammelband Wienerischer Instrumental- und Vokalmusik und erscheinen heute aktuell wie damals: Die fulminanten Ausprägungen der Wiener Kultur- und Musikszene des anbrechenden 20. Jhd. fanden in der Wiener Musik ihre Entsprechungen, in dieser Qualität spätestens mit dem Jahr 1938 aber auch ihr Ende. Die Musik wurde zunehmend in den Dienst politscher Propaganda gerückt, eine Vielzahl ihrer ehemals wichtigsten Vertreterinnen und Vertreter wurde ermordet oder vertrieben. Ein vernichtender Rückschlag mit fatalen Folgen.

„Ab der Jahrhundertwende bis 1938 brachten vor allem jüdische Komponisten und dem Kabarett nahestehende Textdichter frischen Wind in das Genre des Wienerliedes, das sich durch Wortwitz, Hochsprache und veränderter Instrumentierung auszeichnete. Als Begleitinstrument wurde zunehmend das bürgerliche Klavier von den Komponisten eingesetzt, die auch als Interpreten auftraten wie z.B. Hermann Leopoldi. Andere Textautoren und Komponisten waren u.a. Fritz Rotter, Peter Herz, Fritz Grünbaum, Armin Berg, Ralph Benatzky, Robert Stolz und Fritz Löhner-Beda. Mit dem Nationalsozialismus verschwand jene erfrischende Wendung, das Wienerlied fand zurück in den „Mir san mir“ Topos.“ (Wiener Volksliedwerk: http://www.wienervolksliedwerk.at/wiener_musik.php

Nach dem 2. Weltkrieg finden sich vorerst nur vereinzelt Interpreten, die Wiener Musik und Wienerlied auch als künstlerisch und politisch motivierte Musik auffassen und über das Bestätigungsritual einer Musik hinausdenken, die lediglich dem Heimatbegriff und einem allzu naiven kulturellen Selbstverständnis unreflektiert und unkritisch huldigt.

Nach ersten Innovationsschüben einzelner Künstler in den 1950er und -60er Jahren, die das „Wienerische Idiom“ einerseits nützen, um scharfe Kritik an Ignoranz, Nationalismus und Rassismus der damaligen Zeit und ihrer jüngeren Vergangenheit zu üben (Kreisler, Qualtinger, Wiener Gruppe) und andererseits erste Versuche unternehmen, Wiener Musik mit Jazz und anderen Formen populärer Musik zu verbinden (Hodina, Gulda), präsentiert sich die Wiener Musik heute in einer bislang unerreichten Stilvielfalt.

Hinter den Labels „Wiener Musik“ und „Wiener Lied“ steht gegenwärtig eine hoch lebendige Szene von Musikschaffenden, Konzertveranstaltungen und Musikfestivals, welche Wiener Musik und Wiener Lied programmatisch thematisieren und dabei Einflüsse der Tradition mit jenen der Gegenwart kreativ verbinden. Die musikalischen aber auch politischen Einflüsse einer mehr als 200jährigen Musik- und Kulturgeschichte schwingen in die aktuelle Wiener Musik hinein, werden zum Teil sehr unterschiedlich ausgelegt bzw. reflektiert und haben in den vergangenen Jahren jedenfalls ein neues Selbstverständnis dieser Musik und ihrer Musikschaffenden geprägt. 

Vor diesem Hintergrund fühlt sich die JAM MUSIC LAB Privatuniversität für Jazz und Popularmusik Wien aufgerufen, eine systematische Erforschung der Wiener Volksmusik in ihren instrumentalen und vokalen Formen sowie in ihrer Geschichte und Gegenwart zu initiieren. Dieser Teil der Wiener Musikgeschichte wurde trotz ihrer vielfältigen und prägenden Einflüsse bislang eher am Rande der musikhistorischen Forschung behandelt. Die Zusammenhänge der neuen Strömungen in der Wiener Musik und im Wienerlied, wie sie sich seit zwei Jahrzehnten unübersehbar abzeichnen, blieben in der musikwissenschaftlichen Forschung von wenigen Ausnahmen abgesehen bislang völlig unbeachtet.

Die geplante Forschung bedient sich zweier Hauptpfade: eine musikwissenschaftlich / hermeneutische Perspektive soll mit einem musikalisch schaffenden Weg (im Kontext der Methoden von Artistic Research) verbunden und in fruchtbare Beziehung gestellt werden. Das Seminar versteht sich als erster Schritt im Zuge dieser Ambition. (Marcus Ratka, September 2018.)

 

Forschungsfragen

  • Welche musikalischen Strukturen und Texte prägen die Geschichte der Wiener Volksmusik?
  • Welche musikalischen und außermusikalischen Bedeutungen prägen das Genre heute.
  • Inwieweit und in welcher Form fand innerhalb des Genres eine kritische Auseinandersetzung mit der NS Zeit statt.

Das Wienerlied ist nun nicht nur ein musikalisches, sondern vor allem ein sozio-kulturelles Phänomen – daher stellen sich weiterführend folgende Fragen:

  • Welche Einflüsse haben das Wienerlied zu dem gemacht, was es heute ist?
  • Haben heutige Texte in diesen Liedern andere Kernaussagen, als etwa vor 100 Jahren?
  • Ist das Wienerlied ein „Psychogramm“ der WienerInnen bzw. eine musikalisch - literarische Selbstverklärung?

Aus Musikpraktischer Sicht:

  • Wie können wir als ausübende Musikerinnen und Musiker die Wiener Musik (das Wienerlied) ins 21 Jhd. transferieren und die neuen kulturellen Einflüsse in die tradierte Form dieses Genres einbetten?
  • Welche Ansatzpunkte finden sich im künstlerischen Schaffen der Studierenden und Lehrenden des JAM MUSIC LAB im Zusammenhang der Wiener Musik und des Wiener Liedes?

 

Inhalte, Arbeitsmethodik und Ziele des SE.

Das Seminar umfasst:

  • Eine Reihe von themenbezogenen Vorlesungen
  • Ausgewählte Quellenrecherchen
  • Musikalische Proben und Aufnahmen
  • eine Konzertreihe: ab dem Januar 2019 soll einmal monatlich ein musikalischer Beitrag der Studierenden konzertant präsentiert werden

Informationen zur Konzertserie: https://www.jammusiclab.com/events/wiener-jams-maly-marz

Die TeilnehmerInnen des SE können sich wahlweise mit musikwissenschaftlicher und/oder musikpraktischer Schwerpunktsetzung einbringen.

Das Ziel ist es, alle musikpraktischen Arbeiten im Rahmen eines Abschlusskonzertes im Juni 2019 mit Studierenden, Lehrenden und Gästen des Seminars zur Aufführung zu bringen. Parallel soll eine CD mit diesen Arbeiten veröffentlicht werden. Ein musikwissenschaftlicher Beitrag mit den schriftlichen Arbeiten der Studierenden und einiger ausgewählter Gäste soll publiziert werden.

 

Die Seminarleiter und ihre Backgrounds im Kontext der Wiener Musik

Dr. Dr. Engelbert Mach

Erhielt bereits in der frühen Jugend klassischen Gitarrenunterricht. Nach vielen Jahren Karenz von der Musik entdeckte er die Liebe zur Wiener Volksmusik, insbesondere zu den Instrumentalstücken der Gebrüder Schrammel und deren zeitgenössischen Kollegen (Wiener Tänze, Märsche, Walzer). Die Spielkunst dieses komplexen und bei der Wiener Musik nicht wegzudenkenden Instruments, lernte er u.a. bei Rudi Koschelu, sein besonderes Vorbild und Lehrmeister ist Edi Reiser, einer der prägenden Kontragitarristen der Wiener Szene seit den 1950/60er Jahren. Musikalischer Schwerpunkt ist zweifellos die Wiener Salon- und Schrammelmusik. Im Zivilberuf ist Engelbert Mach promovierter Gesundheitswissenschafter und Pädagoge und unterrichtet an Universitäten und Fachhochschulen. Mach beschäftigt sich musikwissenschaftlich u.a. mit der historischen Perspektive der Kontragitarre und der chromatischen Wiener Knopfharmonika.

Mag. Marcus Ratka
Die ersten Berührungspunkte von Ratka zur Wienermusik entstanden um das Jahr 1990 und zu Beginn seines Musikstudiums. Marcus Ratka war Gründungsmitglied von „Die Neuen Wiener Concert Schrammeln“, einer Schrammelquartett Besetzung (2. Violinen, Klarinette, Kontragitarre) mit dem Burgtheaterschauspieler, Boris Eder, als Sänger. Das Ensemble agierte – zur damaligen Zeit noch höchst unüblich –  ausnahmslos im Kreise vergleichsweise junger Musiker. Ratka blieb Mitglied bis 1996 und spielte zahlreiche Konzerte, Auftritte in Rundfunksendungen und Tourneen weltweit. Das Ensemble ist bis heute aktiv: https://www.concertschrammeln.at

2001 gründete Ratka das Ensemble „Zur Eisernen Zeit mit Christian Qualtinger“, ein Musik-Literatur Projekt im Lichte des Wienerischen Idioms, aus dem später ein Instrumentalensemble mit der Namen „Natural Born Viennese“ hervorging. NBV beschäftigt sich mit den spannenden Wechselbeziehungen von Tradition und Gegenwart der Wienerischen Instrumentalmusik.

Diskographie (Wiener Musik, Wiener Lied):

  • Neue Wiener Concert Schrammeln: Liebe Hiebe Prosektur, Ruckzuck Records,1993.
  • Caroline Vasicek und Boris Eder singen Hermann Leopoldi, ORF Edition, 2002.
  • Zur Eisernen Zeit mit Christian Qualtinger, Preiser Records, 2003.
  • Zur Eisernen Zeit mit Christian Qualtinger: Captain Austria, Quinton Records, 2012.
  • Natural Born Viennese, Quinton Records, 2012.

Thomas Hojsa (musikalischer Leiter der Konzertserie)

MUSIK

  • Wienerlieder mit Helmut Emersberger und weiteren Interpreten seit 1986 bis heute
  • Mitglied der Karl Ratzer Nightclub Band (2004-2010)
  • Musikalische Leitung im Wiener Lustspielhaus (2003-2009)
  • Milleniumsprojekt "Musik der Regionen" im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst (1996, gemeinsam mit Helmut Emersberger)

THEATER

  • Burgtheater
  • Rabenhoftheater
  • Theater in der Josefstadt
  • Volkstheater
  • Nestroy Spiele Schwechat
  • Festspiele Reichenau
  • Salzburger Festspiele

AUSGEWÄHLTE THEATERPRODUKTIONEN

  • 2017    Rückkehr des Saturn (Burgtheater/Vestibül)
  • 2016    Affaire Rue du Lourcine (Burgtheater)
  • 2015    Der Zerrissene (Josefstadt),
  • 2015    Mutter Courage, Die letzten Tage der Menschheit (Burgtheater)
  • 2014    Die letzten Tage der Menschheit (Salzburger Festspiele)
  • 2013    Der böse Geist Lumpazivagabundus (Salzburger Festspiele)
  • 2003    Aline (Josefstadt)
March 11th, 2019
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