Was bauen die da drinnen?
Dieses künstlerische Forschungsprojekt untersucht, wie Bandleader-geführte Improvisationsensembles mit Hierarchie, Führung, Zusammenarbeit und Differenz umgehen und wie diese Dynamiken das künstlerische Ergebnis prägen. Im Zentrum steht die etablierte „Gruppensprache“ eines Ensembles: das gemeinsame, oft unausgesprochene Verständnis davon, was innerhalb einer bestimmten Gruppe möglich oder angemessen ist. Untersucht wird, wie diese Gruppensprache notierte Partituren und daraus entstehende Improvisationen beeinflusst.
Das Projekt untersucht zwei langjährige Ensembles: Anthropods, geleitet vom Projektleiter Mark Holub, und Sloth Racket, geleitet von Cath Roberts. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Ensembles unterschiedliche musikalische, soziale und kulturelle Hintergründe ihrer Mitglieder zusammenführen, um ein stimmiges künstlerisches Ergebnis zu schaffen.
Die zentrale Innovation ist ein vergleichendes Modell des Partituraustauschs. Holub und Roberts komponieren jeweils ein 45-minütiges Werk für nicht festgelegte Besetzungen. Diese Partituren werden ausgetauscht, sodass jedes Ensemble beide Werke probt, aufnimmt und aufführt. Dadurch lässt sich vergleichen, wie zwei Gruppen auf dasselbe musikalische Material reagieren und wie Gruppensprache, Führungsstruktur, Hierarchie, Vertrauen und Kommunikation das klingende Ergebnis beeinflussen.
Jazzimprovisation dient hier nicht nur als Metapher für Führung und Zusammenarbeit; vielmehr wird künstlerische Praxis selbst als Forschungsmethode verstanden. Das Projekt verbindet Komposition, Probenbeobachtung, Studioaufnahme, Live-Performance, Journale der Musiker*innen und drei Fokusgruppen. Der Prozess wird durch Audio- und Videoaufnahmen, schriftliche Reflexionen und moderierte Gespräche dokumentiert.
Geplant sind vier Konzert-Symposien, eine physische und digitale Musikveröffentlichung, eine Projektwebsite, Konferenzbeiträge sowie drei Fachartikel: zu den künstlerischen Ergebnissen, zu Führung und Hierarchie in der Ensemblepraxis und zu den Implikationen für die Organisationswissenschaft. Die Forschung wird von Mark Holub, einem erfahrenen Bandleader, Komponisten, Improvisator und künstlerischen Forscher, an der JAM MUSIC LAB Private University in Wien durchgeführt und von einer internationalen Berater*innengruppe begleitet.
Die Ergebnisse leisten einen Beitrag zur künstlerischen Forschung über Jazz und Improvisation und bieten zugleich Erkenntnisse für Ensemblepädagogik, Führungsforschung und Organisationswissenschaft. Indem das Projekt Ensembles als Systeme untersucht, in denen zentrale künstlerische Vision und selbstorganisierte Zusammenarbeit zusammenwirken, eröffnet es neue Perspektiven auf kollektive Kreativität, Vertrauen, Kommunikation und gemeinsame Entscheidungsfindung. Diese Erkenntnisse reichen über den Jazz hinaus: Sie zeigen, wie Gruppen unterschiedliche Erfahrungen, Fähigkeiten und Hintergründe integrieren, wenn Führung, individuelle Freiheit und gemeinsame Verantwortung ausgehandelt werden.